Alles doof …

Nachfolgend mein neuer Artikel – aktuell auch zu finden im Bello Ausgabe 3/2013.
Bello – Das Magazin für Hundefreunde im MK & Hagen.

titel bello_0913Alles doof … so ohne Aufmerksamkeit

Spaziergang doof! Hund doof! Anderer Hund samt Halter doof! Wetter doof! Alles …
Sie haben verstanden, worauf ich hinaus will. Ohne die Aufmerksamkeit Ihres Hundes macht der Alltag und vor allem der Spaziergang keinen Spaß. Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Mit einem Hund, der sehr außenorientiert ist, wird der Spaziergang zum Horrortrip und Entspannung wird zum Fremdwort.

Das Muster erkennen

Ihr Hund, der gerade eben noch an lockerer Leine neben Ihnen herlief, ist plötzlich wie ausgewechselt, wenn er in weiter Ferne einen Artgenossen oder ein Eichhörnchen wahrnimmt. Da hilft kein Spieli und kein Keks. Sie stehen unter Dauerstrom und Ihr Gefühlszustand überträgt sich auf Ihren Hund. Daraus entwickelt sich irgendwann ein Teufelskreis. Eine kurze Begegnung auf Entfernung reicht aus, damit Sie und Ihr Hund in Ihr übliches Verhaltensmuster fallen und das passiert, was immer passiert. Ihr Hund flippt aus und Sie sagen; ich wusste, dass das wieder passiert. Ihr Verhalten und das Ihres Hundes ist ritualisiert. Und es gilt nun, dieses Muster zu durchbrechen.

Meideverhalten

Hiermit meine ich nicht, dass Ihr Hund sich in Situationen vor bedrohlichen Ereignissen in Sicherheit bringen will und daher ein bestimmtes Verhalten zeigt, um seine körperliche Unversehrtheit zu sichern. Hiermit meine ich unser Verhalten, wenn wir schon Hundebegegnungen meiden und auf andere Wege ausweichen oder unsere Spaziergänge auf die Zeiten verlegen, während denen wir sicher sein können, dass wir keine anderen Menschen mit ihren Hunden treffen.

Wenn wir den Dingen ständig aus dem Weg gehen und Konflikte meiden, sind wir für unsere Hunde nicht besonders vertrauenswürdig. Ihren Vorgesetzten werden Sie auch nicht ernst nehmen, wenn er Konflikten aus dem Weg geht und sich nicht um Ihre Belange kümmert. Sie werden ihm erst Aufmerksamkeit und Vertrauen entgegenbringen, wenn er sich für Sie stark macht und mit seinen Entscheidungen hinter Ihnen steht. Wenn Sie führen wollen, müssen Sie authentisch sein und für sich und Ihren Hund einstehen.

Verständnis als erster Schritt

Sie schauen einen spannenden Krimi im Fernsehen und die Handlung ist gerade so weit fortgeschritten, dass der Gärtner als Tatverdächtiger ausgeschlossen wurde und es bleiben noch der Chauffeur und ein entfernter Verwandter des Opfers. In dieser Situation sind Sie auch nicht besonders offen für ein Gespräch mit Ihrem Partner. Sie wollen des Rätsels Lösung! Ihr Partner aber kommt vielleicht gerade von einem Termin zurück und hat das dringende Bedürfnis mit Ihnen über seinen Tag zu sprechen. Bevor Sie begonnen haben den Film zu schauen, wären Sie sicherlich gesprächsbereit und interessiert gewesen. Nun stecken Sie schon mitten in der Handlung des Films und wollen endlich wissen, wer der Mörder ist. Ihr Partner hat also alle Mühe, Ihre ungeteilte Aufmerksamkeit zu bekommen.

Nicht das Symptom bewerten, sondern die Ursache finden

So oder ähnlich geht es Ihrem Hund, wenn Sie mit ihm unterwegs sind, er auf einen Artgenossen trifft und sich für diesen mehr interessiert, als für Sie. Und dies tut er nicht, um Ihnen eins auszuwischen. Gründe hierfür gibt es viele. Ein Grund kann sein, dass Sie ihm unbewußt schon eine Aufgabe zugeteilt haben und er kann sich gerade draußen nicht mit Ihnen beschäftigen, weil er schon einen Job macht und den will er gut machen! Er steckt quasi schon mittendrin in seinem Film. Vielleicht denkt er, er müsste die Lage checken und fühlt sich für Sie und die Situation verantwortlich. Wichtig ist also ersteinmal herauszufinden, ob Ihr Hund gesprächsbereit ist, oder warum er es nicht ist.

Keine halben Sachen

Es gibt Hunde, die keine große Ablenkung brauchen und auch in einer eher reizarmen Umgebung nicht auf Ihren Menschen reagieren. Allein mit Bestechung kommen Sie in diesem Fall nicht weiter. Führung können Sie sich bei Ihrem Vierbeiner nicht erkaufen. Hier braucht es ggf. mehr Präsenz Ihrerseits. Sie dürfen ein Gespräch auch einfordern. Bleiben Sie verbindlich und doch souverän. Lassen Sie sich nicht so leicht abwimmeln. Beginnen Sie mit Ihrem ‚Gespräch‘ im besten Fall schon vor dem Spaziergang!

Mensch Dein Hund _ Zerrspiel _ Foto 1Mensch, ärgere Dich nicht!

Und wieder eine andere Situation. Sie machen sich auf der Hundewiese zum Affen, kriechen durch den Schlamm. Sie geben alles, um die Aufmerksamkeit Ihres Hund zu bekommen und ihn zum Spielen zu motivieren und alles, was Sie dafür von Ihrem Hund bekommen, ist ein kurzer fast schon mitleidiger Blick. So interpretieren Sie. Dann geben Sie frustriert auf und denken sich, ok, dann will er eben nicht.
Ich behaupte, vielleicht will er schon, kann aber nicht. Für Spiel zwischen Hunden und Ihren Menschen braucht es gerade zu Anfang eine entspannte Umgebung. Beide Spielpartner müssen sich wohlfühlen. Es hilft, wenn Spiel anfangs in einer für den Hund gewohnten Umgebung stattfindet, in der er sich gut fühlt. Das kann zunächst Ihr Wohnzimmer und später der Garten sein. Eine unvorhersehbare Ablenkung in gewohnter Umgebung ist auszuschließen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein fremder Hund durch Ihr Wohnzimmer läuft, während Sie versuchen, Ihren Hund zum Versteckspiel zu motivieren ist gering. Fangen Sie also in kleinen Schritten an. Ärgern Sie sich nicht über das Verhalten Ihres Hundes, suchen Sie stattdessen nach Alternativen, um mit ihm spielerisch ins Gespräch zu kommen.

internet_mdh_11Selbständige Hunde: selbst und ständig

Und dann gibt es da noch die Hunde, die sehr selbständig sind. Sie kommen häufig aus dem Ausland und bringen meist eine tragische Geschichte mit. Dieses Thema ist sehr speziell und traumatisierte Hunde lasse ich hier bewußt außen vor. Wir Menschen tendieren dazu, uns viele Gedanken über die Erfahrungen unserer Hunde zu machen und das kann uns sehr belasten. Diese Auslandshunde sind zwar auch nur Hunde, aber aufgrund Ihrer Vergangenheit dahingehend besonders, als dass sie oft ihr ganzes Leben selbständig waren und sein mussten. Ihr Verhalten hat ihr Überleben gesichert. Es verwundert also nicht, wenn diese Hunde zu uns kommen und selbständig bleiben. Sie kommen nicht zu uns und bringen eine Menge Dankbarkeit mit. Diese menschliche Eigenschaft dichten wir ihnen gerne an. Wofür sollen sie dankbar sein? Sie sind doch klar gekommen. Hier ist es wichtig, noch verständnisvoller und geduldiger zu sein. Es wird etwas länger brauchen, bis dieser Hund mir seine Aufmerksamkeit und sein Vertrauen schenkt. Begegnen Sie diesem Hund nicht mit Mitleid. Denken Sie nicht an seine Vergangenheit. Er tut es auch nicht.
Sorgen Sie stattdessen auch hier von Anfang an für klare Strukturen und Regeln und deren Einhaltung.

Ihr Verhalten verändert Ihren Hund internet_mdh_12

Wir Menschen sind Sprachwesen und das ist auch gut so. Unsere Hunde sind körper(sprach)lich. Manchmal wünsche ich mir, wir Menschen würden weniger quatschen und zwischendurch mal ganz leise werden, wahrnehmen und wirklich zuhören.

Morgens klingelt das Telefon. Am anderen Ende ein sehr gut geschulter Call-Center-Mitarbeiter einer Weinfirma. Er möchte mir unbedingt ein Probierpaket verkaufen und hört gar nicht, dass ich nicht will und ihm auch nichts zu sagen habe. Und vielleicht merkt er nach 3 Minuten Dauerreden, dass ich mich schon vor 2 Minuten verzweifelt verabschiedet habe. Auch hier gibt es Parallelen zu unseren Hunden. Die stellen irgendwann auf Durchzug. So einfach ist das. Wenn Sie also etwas von Ihrem Hund wollen – wie Aufmerksamkeit – dann sprechen Sie nicht mit ihm. Ein Kommando ist ein Kunststück. Wenn Sie wollen, dass Ihr Hund gerade ruhig und aufmerksam neben Ihnen läuft, gibt es dafür kein Kommando. Ein Kommando ist einseitig. Ein Befehl, der keinen Raum für Kommunikation läßt. Vertrauen können Sie so nicht kommunizieren.
Über Ihre Körpersprache können Sie ihm mitteilen, dass Sie die Situation im Griff haben und Ihr Hund sich auf Sie verlassen kann, er sich also um gar nichts kümmern muss – außer nur ruhig neben Ihnen Laufen. Wenn Sie ihm dies deutlich kommunizieren, wird er nicht nachfragen, ob Sie das auch wirklich so meinen.
Indem Sie Ihr Verhalten ändern und Verantwortung übernehmen, steigen Sie aus dem Teufelskreis aus und steigen dafür ein Stück höher – im Ansehen Ihres Hundes. Ihr Hund wird seinen ‚Job‘ erleichtert an Sie abgeben und wird Ihnen im Gegenzug ehrliche Aufmerksamkeit entgegenbringen.

In diesem Sinne wünsche ich viele entspannte Spaziergänge!

Friederike Stracke
Mensch Dein Hund

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